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Angst vor der Insulinspritze?

Studien belegen, dass ein Großteil der Menschen mit Diabetes 2 eine ungenügende Stoffwechseleinstellung aufweisen und damit ein hohes Risiko haben, die bekannten Folgekomplikationen zu entwickeln. Doch welchem Umstand ist diese Tatsache zu Schulden? – gibt es doch diverse Tabletten (so genannte orale Antidiabetika) und schließlich die Insuline. Im täglichen Umgang mit Menschen, die an einem Typ2 Diabetes leiden, ist diese Frage recht bald beantwortet, denn für die meisten ist eine Umstellung auf eine Insulintherapie nicht denkbar.

Aussagen wie : „dann bin ich ja erst richtig krank“, „dann leide ich ja an einem schweren Diabetes“ oder „ich habe gehört, dass man dann richtig zunimmt“ sind nicht selten und lassen die Ängste der Betroffenen deutlich erkennen.

Doch wann sollte man sich mit dem Gedanken tragen, dass eine Umstellung auf Insulin unausweichlich wird, wenn man seine Lebensqualität erhalten, bzw. erhöhen will?

Wenn der BZ-Wert trotz der Einnahme 2 verschiedener Medikamente und trotz gesunder Lebensweise dauerhaft zu hoch bleibt, was einem HbA1c Wert von > 6,5% entspricht, so die Antwort der Diabetologen. Dies ist leider bei vielen Betroffenen der Fall, dennoch steht ca. ¼ bis die Hälfte aller Betroffenen dem Insulin und damit der Insulintherapie ablehnend gegenüber.

Welches sind die möglichen Gründe dafür?

Sich der Notwendigkeit einer Insulintherapie zu stellen, bedeutet zunächst die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung. Dieser Auseinandersetzung mit allen Konsequenzen möchten viele Betroffene möglichst lange aus dem Wege gehen, zumal der Diabetes an sich weder Schmerzen bereitet noch äußerlich sichtbar ist.

Daher ist die Bestrebung, weiterhin Tabletten zu nehmen, sehr groß, zumal die Einnahme von oralen Medikamenten im Laufe der Jahre zu etwas „Selbstverständlichem“ wird und vielleicht auch die Hoffnung birgt, dadurch wieder gesund zu werden. Tatsache ist jedoch, dass dieses „Hinauszögern“ im Falle des Typ2 Diabetes dem Körper mehr Schaden zufügen - als nutzen kann. Angst ist hierbei wohl der entscheidende Faktor. Aber was ist Angst? Wenn man in ein psychologisches Fachbuch schaut, kann man Angst am besten an dem Unterschied zur Furcht fest machen.

In einem Essay heißt es:

Furcht und Angst sind einander ähnlich, aber nicht identisch, auch wenn die Alltagssprache sie meist gleichbedeutend verwendet. Furcht gilt als klar auf eine äußere Gefahr hin ausgerichtet. Angst ist unbestimmt. Der bloße Anblick einer Schlange kann Furcht auslösen. Aber schon ihre unbestimmte Bewegung und vor allem die Vorstellung, was sie alles tun könnte, ist mit einem Gefühl verbunden, für das der Begriff Angst zutreffender erscheint als der Begriff Furcht. In einigen Gefühlstheorien wird Furcht als Basisemotion bezeichnet, während Angst als Kombination der Furcht mit anderen Grundgefühlen wie beispielsweise Neugierde, Überraschung, Kummer, Wut und Scham verstanden wird.

Das Erleben der Angst ist die Erwartung der Bedrohung und die Ungewissheit über Art, Ausmaß und Zeitpunkt der Gefahr kennzeichnend. Dabei werden gefühlsmäßige und kognitive Vorgänge unterschieden. Gefühlsmäßige beziehen sich vorwiegend auf Körperempfindungen wie Spannung, Enge, quälende Unruhe, aber auch Verzweiflung, Entsetzen und Grauen. Kognitive Merkmale sind Befürchtungen und Sorgen, die sich mit Zwängen und Zweifeln sowie unkontrollierbar erscheinenden Ereignissen befassen.(aus Spektrum.de – Lexikon der Psychologie)

Das bedeutet für die Diabetes Therapie nichts anderes als dass eine positive Entscheidung zur Insulinbehandlung nur dann erfolgen kann, wenn der Betroffene all seine Befürchtungen und Vorbehalte, die er gegen das Spritzen von Insulin hat und die er mit dem Spritzen gefühlsmäßig verbindet, aus dem Weg geräumt hat.

Dies wird er nur dann erreichen, wenn er bereit ist, sich gut schulen zu lassen, künftig ein höheres Maß an Eigenverantwortung und Aufwand auf sich zu nehmen und die daraus resultierende positive Entwicklung des Krankheitsverlaufes klar vor sich sieht.

Unbestritten ist, dass diese Entscheidung mit Sicherheit zu den schwierigsten Phasen der Erkrankung gehört, denn zunächst scheinen Lebensqualität, Mobilität und vor allem „Freiheit“ auf dem Spiel zu stehen, wie die folgenden Ursachen, sich gegen eine Insulintherapie zu entscheiden, verdeutlichen:

  • unzureichende Informationen über Typ-2- Diabetes: vielen betroffenen Menschen ist nicht klar, dass im Verlauf der Erkrankung eine Insulintherapie notwendig wird zur guten Einstellung
  • keine oder falsche Information über die Insulintherapie
  • Diese Therapieform gilt bei vielen als gefährlich und besonders schwierig: Angst vor Unterzuckerungen, soziale Ausgrenzung, Einschränkungen im Alltag
  • Überzeugung von der eigenen Inkompetenz
  • Angst vor dem Piecks
  • Generelle Probleme mit der Akzeptanz und Krankheitsbewältigung
  • Probleme, sich an Therapieregeln zu halten
  • Wunsch, den Diabetes geheim zu halten

Doch wie kann man als Betroffener dies alles überwinden?

Es gibt mit Sicherheit viele psychologische Antworten auf diese Frage aber lassen wir doch alle unseren „gesunden Menschenverstand“ zu Wort kommen:

Wenn man sich mit einem Thema (hier dem Typ2 Diabetes) in all seinen Facetten beschäftigt, sich gut informiert über Ursache, Entstehung, angebotene Therapieformen, Zukunftsprognosen etc. wird man als mündiger „Patient“ erkennen, dass man zum einen (und das ist bei vielen anderen Erkrankungen nicht der Fall) viel selbst zur gesund Erhaltung trotz Diabetes tun -und zum anderen aus einer Reihe von angebotenen Therapieformen die optimale heraussuchen kann. Sich dabei für eine Insulintherapie zu entscheiden, wenn diese vom Diabetologen vorgeschlagen wurde, wird nur dann funktionieren, wenn Ängste abgebaut werden, das Insulin nicht mehr als lebenseinschränkender „Feind“ gesehen wird sondern wenn man sich auf die positiven Eigenschaften des körpereigenen Hormons besinnt und damit einem Zugewinn an Lebensqualität. Etwas mehr Aufwand und Eigenverantwortung ist natürlich mit einhergehend aber was haben wir alle nicht schon durch Eigenverantwortung und Auswand in unserem Leben geschafft!

Wir müssen versuchen, das Negative und vor allem negative Gefühle durch positive zu ersetzen, dann könnten wir uneingeschränkt „ja“ sagen zu einer Therapie mit Insulin:

„es ist ein körpereigener Stoff und er tut mir gut“, „damit sind meine Blutzuckerwerte im normalen Bereich und ich werde lange bedingt gesund leben können“, „Insulin braucht jeder Mensch – ich nehme es einfach von außen zu mir“.

Wenn es Ihnen gelingt, sich auf das Positive zu beschränken obwohl Sie einiges an Selbstanstrengung in Kauf zu nehmen, haben Sie es geschafft. Das einzig Positive am Diabetes ist, dass man der Krankheit – wie z. B.: bei Krebs – nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern aktiv etwas Gutes zu ihrem Verlauf beitragen kann.

Seien Sie es sich wert und informieren Sie sich umfassend!